Peter Welk – Gedichte und Geschichten

Gestatten, Schiller!

Der mit den verhexten

zum Gedröhn verführenden Balladentexten.

 

Vom Rezitator

 

Der Rezitator ist ein Mann der Töne,

Die er auf Vorrat hält wie Marinade;

Indem er mariniert, entsteht Gedröhne,

Und so verwandelt sich das leicht erdachte Schöne

Ins unverdaulich töneschwere Fade.

 

(c) Peter Welk

Vom Umgang mit Gedichten

Hans Magnus Enzensberger

zur Interpretation von Gedichten

 

“ ... Was aber die Literatur betrifft, so verdankt sie ihren Charme nicht zuletzt der Tatsache, dass es jedermann frei steht, sie zu ignorieren – ein Recht, von dem bekanntlich die Mehrheit unserer Mitbürger entschiedenen Gebrauch macht. Nur für die Minderjährigen unter unseren Mitbürgern hat das Recht auf freie Lektüre keine Geltung. Sie, die ohnehin täglich in Betonbunkern gefangengehalten werden, welche das Gemeinwesen eigens zu diesem Zweck errichtet hat, zwingt man fortgesetzt, Gedichte zu lesen; und was noch viel entsetzlicher ist, zu interpretieren, Gedichte, an denen unsere minderjährigen Mitbürger in den meisten Fällen keinerlei Interesse bekundet haben.

Wohl weiß ich, dass die Deutschlehrer diesen widerwärtigen Zustand, unter dem sie vermutlich selber schwer leiden, durchaus nicht mutwillig herbeigeführt haben. Die wahren Schuldigen sind im Unterholz von Instituten zu suchen, die von einer gewöhnlichen Schule so weit entfernt sind wie Kafkas Schloss.

Es handelt sich um eine Horde von Bürokraten und Curriculum-Forschern, die außerordentlich schwer dingfest zu machen ist. Ihre wahren Absichten liegen im Dunkeln. Was sie zu dem Projekt bewegt, in unseren Oberschulen Hunderttausende von Sub-Germanisten heranzuzüchten und die Interpretation von Gedichten als Zwangsarbeit zu verhängen, das wissen wir nicht. Wir werden es nie erraten.

 

Appell an die Deutschlehrer:

Sabotieren sie die Beschlüsse der Ständigen Konferenz der Kultusminister, wo immer sie können! Bekämpfen Sie das hässliche Laster der Interpretation! Bekämpfen sie das noch viel hässlichere Laster der richtigen Interpretation! Zwingen sie nie einen wehrlosen Menschen, den Mund aufzusperren und ein Gedicht hinunterzuschlingen, auf das er keine Lust hat! Üben Sie den jungen Menschen gegenüber, die Ihnen anvertraut sind, die Tugend der Barmherzigkeit. Denken Sie immer daran: Quäle nie ein Kind zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.”