Stefan Zweig

Peter Welk – Gedichte und Geschichten

Die unsichtbare Sammlung

Stefan Zweigs ganz wunderbare Erzählung

 

 Die unsichtbare Sammlung

 

stand im Mittelpunkt des Düsseldorfer Literaturkonzertes

vom 16. April 2015.

 

Zwei Stationen hinter Dresden stieg ein älterer Herr in unser Coupé, grüßte höflich und nickte mir dann, aufblickend, noch einmal ausdrücklich zu wie einem guten Bekannten. Ich vermochte mich seiner im ersten Augenblick nicht zu entsinnen; kaum er dann aber mit einem leichten Lächeln seinen Namen nannte, erinnerte ich mich sofort: Er war einer der angesehensten Kunstantiquare Berlins, bei dem ich in Friedenszeit öfter alte Bücher und Autographen gekauft habe. Wir plauderten zunächst von gleichgültigen Dingen.

Unvermittelt sagte er: »Ich muss Ihnen doch erzählen, woher ich gerade komme. Denn diese Episode ist so ziemlich das Sonderbarste, was mir altem Kunstkrämer in den siebenunddreißig Jahren meiner Tätigkeit begegnet ist. Sie wissen wahrscheinlich selbst, wie es im Kunsthandel jetzt zugeht, seit sich der Wert des Geldes wie Gas verflüchtigt: Die neuen Reichen haben plötzlich ihr Herz entdeckt für gotische Madonnen und mittelalterliche Einblattdrucke, alte Stiche und Bilder; man kann ihnen gar nicht genug herzaubern  …

 

Albrecht Dürer Das große Pferd