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Romeo und Jule

Puffelmuder schwieg mit sich selbst. Die Abendvorstellung war beendet, die Leute waren nach Hause gegangen, nur er nicht, Puffelmuder. Er hatte heute Abend seine Abschiedsvorstellung gegeben. Zum letzten Mal hatte sich der Vorhang für ihn gehoben, noch einmal war er in der Rolle Gottvaters in Goethes Faust-Vorspiel auf sein Publikum zugegangen … und nun also hatte seine Bühnenlaufbahn zu ihrem Ende gefunden. Ohne einen Ruf des Bedauerns aus dem Zuschauerraum, ohne ein verhallendes Bravo für seine letzte künstlerische Leistung. Faust wurde vom Spielplan genommen, Puffelmuder konnte gehen.

Nach der Vorstellung hatte sich Puffelmuder im Theater einschließen lassen. Von niemandem bemerkt. Die Faust-Dekoration war abgeräumt worden, und man hatte die Ku­lissen­ für die Premiere von Romeo und Julia aufgebaut, die für den folgenden Abend geplant war. Regisseur Hümmelich, der das Stück auf einer Müllhalde spielen ließ, hatte mit Hilfe des Pförtners in Eile einen klapprigen Fiat 500 hereingeschoben, den er am Vormittag einem Schrotthändler abgekauft hatte. Das Teil werde seiner Inszenierung auf besonders originelle Weise einen venezianischen Anstrich geben, erklärte er. Dann war der Regisseur gegangen, der Pförtner hatte das Licht gelöscht … und jetzt also hockte der Schauspieler Puffelmuder im Dunkeln zwischen Blechdosen und Stuhlbeinen und Autoreifen vor einem abgewrackten Fiat 500 und schwieg mit sich selbst.

Es war gar nicht seine Art, mit sich selbst zu schweigen. Normalerweise redete er mit sich selbst. Aber heute war es anders: Puffelmuder hatte beschlossen zu sterben. Und darüber wollte er mit niemandem reden, schon gar nicht mit sich selbst. Er wollte es einfach tun. Aus Protest. Also schwieg er mit sich selbst und hielt den Atem an. Tod durch Ersticken: So sollte es in der Zeitung stehen. Er hatte auch über Gift nachgedacht, aber er fürchtete um seine Gesichtszüge, die sich infolge eines Gifttodes womöglich verzerrt hätten.  Ersticken war die elegantere Lösung.

Puffelmuder hielt die Luft an und zählte in Gedanken: 27, 28, 29 … bei 36 stieß er die Luft aus. Hustete. Das Sterben war schwieriger, als er es sich vorgestellt hatte. Eine He­rausforderung! Ob er dieser Herausforderung überhaupt gewachsen war? Er hielt sich die flache Hand wie einen Spiegel vors Gesicht und nickte dem nur erahnten Spiegelbild aufmunternd zu: Oh, er würde es ihnen mit seinem Tode heimzahlen! Aufrütteln würde er! An ein Schicksal gemahnen, das am Theaterbetrieb zerbrochen war! 27, 28, 29 … Ohne es zu bemerken, hatte Puffelmuder begonnen, mit sich selbst zu reden. «Dieses Banausengesindel!» sagte er. Er sagte es nicht, er flüsterte es. Und holte tief Luft. Und spürte, wie ihn die Wut erzittern ließ. «Sie haben dir deine letzte Wunschrolle verweigert, Puffelmuder. Haben dich ausgemustert wie einen alten Wäscheständer. Den Bruder Lorenzo hättest du morgen Abend gespielt, wenn sie dich gelassen hätten. Und wie du ihn gespielt hättest! Aber sie haben dir die Rolle nicht gegönnt. Haben diesen Fliegenschiss, diesen Heribert Eulenmann mit der Rolle besetzt, und warum? Der Eulenmann bringe als Schauspieler die gebotene Schlichtheit mit, haben sie gesagt, im Gegensatz zu dir, Puffelmuder, der du die theatralische Überhöhung mitbringst, immer mitgebracht hast, die aber in der heutigen Zeit dem Bruder Lorenzo nicht mehr angemessen sei, haben sie gesagt. Vor allem diese Rotgelockte hatte es vor versammeltem Ensemble gesagt: Happy Henna, wie sie sich nannte! Dieses Vorgartentalent aus der Rocker–Szene, das man für die Rolle der Julia eingekauft hatte – die und Shakespeares Julia, zum Totlachen! … 27, 28, 29 …»

Sein Freund Bermelstein hatte auf die Frage: Du Bermelstein, was denkst du, wenn sich einer umbringen will, beispielsweise durch Luftanhalten, was denkst du, wie lange müsste er zählen von 27 an, bis zum Verröcheln? – Na, was denk ich, Puffelmuder, hatte Bermelstein geantwortet, ich denke, bis 77 müsste er schon kommen, wenn er eine Chance haben will. – Bis 77! Dann also los! Übung macht den Meister! Puffelmuder zählte: 27, 28, 29, 30 – 38, 39, 40 … ihm wurde schwindelig, ein gutes Zeichen … 61, 62, 63 … Puffelmuder verlor das Bewusstsein.

Und irgendwann fand er ins Leben zurück. Oder war er im Himmel angekommen? Obwohl er doch eigentlich mit der Hölle gerechnet hatte? Aus theatralischer Sicht boten sich einem Schauspieler in der Hölle ungleich effektvollere Möglichkeiten der Berufsausübung als im Himmel – das wusste Puffelmuder. Die Hölle wäre ihm jetzt lieber gewesen. Er rappelte sich auf die Beine. Sah sich um. Es war dunkel. Ihm war noch immer ein bisschen schwummrig zumute. Er erkannte schemenhaft, ja was denn … waren das die Goldbandschnörkel auf den Tapeten von Julias Schlafzimmer? Erinnerungen kamen wie goldene Wolken auf ihn zugesteuert. Vor einer Ewigkeit hatte er unter Gustaf Ladestoß, dem großen Shakespeare-Regisseur, selbst einmal den Romeo gespielt. Was für eine Aufführung! … mein Gott, damals … in Vollendung war er im fünften Akt als Romeo gestorben … in Vollendung … 64, 65, 66 … wieder verlor Puffelmuder das Bewusstsein. Vielleicht war er auch nur vor Erschöpfung zu Boden gesunken und eingeschla­fen.­

In seinem Traum, der wie aufs Stichwort begann, sah er sich mit Engelsflügeln Richtung Zentralfriedhof fliegen, sah, wie man ihn dort zu Grabe trug, und der Gedanke an seinen Tod zauberte ihm ein Lächeln auf die Wangen. Puffelmuder begann träumend zu ahnen, dass man ihn dort auf dem Zentralfriedhof neben dem verehrten Kollegen Marlon Brando bestatten würde. Was für eine Inszenierung! Doch irgendwer störte diese Inszenierung. Irgendwer sagte plötzlich von irgendwoher: …

 

«… es war die Nachtigall und nicht die Lerche,

die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang …»

 

Die Regieassistentin Jule Hubbes wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Rolle war ein Brocken, an dem hatte sie zu schlucken. Mit aufgeblendeter Taschenlampe war sie langsam auf die Bühne gekommen. Hatte begonnen, die Rolle der Julia durchzuspielen. Regisseur Hümmelich hatte ihr eingeschärft: «Du lernst sämtliche Rollen, vom Bruder Lorenzo bis zur Julia, man kann nie wissen, ob jemand ausfällt, und egal, wer, du übernimmst! Für die Männerrollen gehst du mit der Stimme einfach‘n Schlag runter!»

Die nächtliche Stille wirkte beruhigend auf die Regieassis­ten­tin.­ Der Pförtner hatte sie hereingelassen, sie könne ungestört üben, hatte er gesagt, das Haus sei leer. Die Texte hatte Jule alle im Kopf, hatte während der Proben von ihrem Platz aus auch sämtliche Rollen in Gedanken immer schon mitgespielt, und jetzt wollte sie im Originalbühnenbild die Balkon-Szene noch einmal durchprobieren, die der Regisseur in einem Fiat 500 spielen ließ. Und da stand er auch, der Fiat 500. Und davor hockte der Kollege Puffelmuder.

«Puffi, was machst denn du hier?»

«Die Lerche war‘s, die Tagverkünderin …»

«Es war die Nachtigall … was redest du denn da!»

«Was ich rede? Ich rede Shakespeare! Da guck sie dir an: Herrmann Hümmelichs Rostlaube 500! Guck sie dir genau an! Da hinein werde ich mich jetzt setzen und auf den verschlissenen Sitzen allmählich verröcheln!»

«Puffi, was ist denn mit dir los, bist du betrunken?» …