Otto Reutter

Peter Welk – Gedichte und Geschichten

In fünfzig Jahren ist alles vorbei

Und wenn dir die Welt nicht mehr gefällt:

Es währt nichts ewig auf dieser Welt,

Der kleinste Ärger, die größte Qual

Sind nicht von Dauer, sie enden mal,

Wie’s auch kommt, nimms hin, was immer es sei,

In fünfzig Jahren ist alles vorbei.

 

Und ist auch ein Anderer klüger als du,

Dann freu dich drüber und lach dazu,

Was nützt sein Wissen, stirbt er vorher,

Bist du am nächsten Tag klüger als er,

Kriegst Doktorhut oder auch zwei,

Doch in fünfzig Jahren ist alles vorbei.

 

Und wird alles teuer, dann murre nicht,

Und zahl deine Steuer und knurre nicht,

Und nimmt man dir alles, dann klage nicht,

Und kriegst du’n Dalles, verzage nicht,

Nur der, der nichts hat, ist glücklich und frei,

Und in fünftig Jahren ist alles vorbei.

 

Und sitzt du im Zugabteil eingezwängt,

Und dir wird noch’ne Frau auf den Schoß gedrängt,

Und die hat noch’ne Schachtel auf dem Schoß,

Und du wirst die beiden Schachteln nicht los,

Und die Füße werden dir schwer wie Blei:

In fünfzig Jahren ist alles vorbei.

 

Und kommst du als Ehemann schwankend nach Haus,

Halb drei in der Nacht, und sie jammert sich aus,

Dann leg dich zu ihr und flüst’re: Verzeih,

Wär ich zu Hause geblieben, wär‘s auch halb drei.

Und hört sie nicht auf mit der Litanei,

In fünfzig Jahren ist alles vorbei.

 

Und fürchte dich nicht, ist derTod auch nah,

Je mehr du ihn fürchtest, um so eh’r ist er da.

Vorm Tode sich fürchten hat keinen Zweck.

Du erlebt ihn ja nicht, wenn er kommt, musst du weg,

Und geht’s in die Hölle, ’s ist einerlei,

In fünfzig Jahren ist auch das vorbei.

Wirst schon sehn, dann ist alles vorbei.

 

(Textbearbeitungen (c) Peter Welk)

Live-Mitschnitte vom 16. Hildener Tete-a-Tete 2009

Peter Welk – am Flügel begleitet von Georg Corman,

 

Ein bisschen Arbeit muss der Mensch doch haben

Nehmen’sen Alten

In fünfzig Jahren ist alles vorbei

Der Überzieher

Ich bin ein Optimiste

Bevor du sterbst

Zugabe

 

 

Otto Reutter 1870 – 1931

Kurt Tucholsky, ein leidenschaftlicher Bewunderer Oto Reutters, schreibt in einem Essay: “Otto Reutter sang etwas, was es im Deutschen gar nicht gibt, denn die deutsche Sprache hat keinen Namen für: Couplet oder Chanson. Wir haben keine Couplets, wir müssen uns erst welche machen. Reutter hat sich welche gemacht: weit über Tausend. Ich kenne gut die Hälfte davon, denn ich habe mir einmal an ein paar stillen Vormittagsstunden in der Musikabteilung der Staatsbibliothek in Berlin alles zusammengesucht, was von ihm da ist, und es ist viel da. Eine merkwürdige Lektüre.

Welch ein Könner auf seinem Gebiet!

Er hatte gegen eine Sprache zu kämpfen, die schwerfällig ist, die man erst biegen und kneten muss, mit der man Jahre und Jahre zu üben hat, bis sie tanzt … bei ihm hopste sie. Massig, polternd, am besten und gemütlichsten im Dreiviertel-Takt, diesem deutschesten aller Rhythmen, lustig im Vierviertel-Takt, was bei uns immer wie ein beschleunigtes Marsch-Tempo anmutet – diese beiden Rhythmen hatte er im Blut. Er traf Töne, deren Resonanzboden sehr tief liegt – hier grummelt die Seele des Volkes, wie etwa in manchen Kitschversen bei Hermann Löns. Was heute bei den Nazis als Lyrik verzapft wird, lebt von diesen alten Mitteln, nur ist dort alles billig, Nähmaschinenspitze. Reutter nähte mit der Hand.”