O'Henry

Peter Welk – Gedichte und Geschichten

Wenn du ein Philosoph bist, kannst du folgendes tun: Du steigst auf die Spitze eines stählernen Wolkenkratzers, und von dort oben kannst du dann auf deine Mitmenschen hunderte Meter tief hinunterblicken und sie als Insekten verachten. Wie kopflose schwarze Käfer kriechen und kreisen und krabbeln sie ziellos da unten herum. Sie bewegen sich nicht einmal mit der bewunderungswürdigen Intelligenz von Ameisen, denn Ameisen sind sich immer darüber im Klaren, wann sie – um es einmal hemdsärmelig auszudrücken – auf dem Heimweg sind. Die Ameise ist ein niederes Tier, aber immer erreicht sie zielstrebig ihr Zuhause und schlüpft schon in die Pantoffeln, während die schwarzen Käfer da unten noch immer und unaufhaltsam in ihrem Irrgarten umhertappeln – und du da oben auf deinem erhöhten Posten aus Stahl und Zement noch immer ausharrst und dir das Getappel anschaust. Von deiner hohen Warte aus wird so eine ganze Stadt zu einem Spielzeughaufen ineinander geschachtelter Klötzchen und unmöglicher Perspektiven, von schwarzen Käfern überkrabbelt. Vielleicht sehnst du dich da nach einem Schuss Vollkommenheit, und du starrst – du, der Philosoph – in den unendlichen Himmel über dir und erlaubst deiner Seele, sich unter dem Einfluss dieser neuen Perspektive: auszudehnen. Die Dichter haben das sehr schön gesagt: Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus … heißt es bei ihnen.

Wenn du aber zufällig Daisy heißt und in einem Süßwarenladen in der Achten Straße arbeitest und in einem kleinen kalten Zimmer wohnst, das von einem Flur abgeteilt ist, und wenn du sechs Dollar in der Woche verdienst und für zehn Cent zu Mittag isst und neunzehn Jahre alt bist, um halb sieben Uhr morgens aufstehst und bis neun abends arbeitest und niemals Philosophie studiert hast, sehen die Dinge von einem Wolkenkratzerdach aus betrachtet womöglich ganz anders aus …

Manhattan um 1910 – Foto >>>

Psyche und der Wolkenkratzer

"O.Henrys Geschichten spielen auf einer Bühne, auf der sich“ – so hat es ein Kenner formuliert – „gesellige Einsamkeiten begegnen, sich zuzwinkern, sich erkennen und zusammenfinden, sich trennen und – leben.“ Die Bühne heißt New York, Stadt der Rastlosen, Stadt derer, die sich nicht unterkriegen lassen wollen. Auf dieser Bühne entfaltet sich die bunte Menschlichkeit eines der Großen der amerikanischen short story: O.Henry. Sein wirklicher Name: William Sidney Porter – geboren im Jahr Gerhart Hauptmanns und Arthur Schnitzlers: 1862 – ein Abenteurer, Zuchthäusler, Zeitungsschreiber, Pointenbastler, begnadeter Geschichtenerfinder.

 

Der O.Henry–Preis ist eine der begehrtesten Auszeichnungen der amerikanischen Literaturszene – ganz Große haben ihn gewonnen: Die Literaturnobelpreisträgerin von 2013 Alice Munro, Stephen King, John Updike, Saul Bellow, Woody Allen, William Faulkner, Truman Capote.