Moritz August von Thümmel

Peter Welk – Gedichte und Geschichten

Elegie auf einen Mops

Das mahnend schöne Bild, das ich mit ihm verloren,

So weit mein Auge reicht, ersetzt kein andres nicht.

Belehrender war nie ein Sonderling geboren,

Und keiner trug, bei kürzern Ohren,

Ein philosophischer Gesicht.

 

Zwar sah ich manche Stirn von Königsberg bis Leiden

Mit diesem mystischen gelehrten Überzug:

Doch sah ich keine je, die Runzeln so bescheiden,

Von allen Wesen zu beneiden,

Als meines Mopses Stirne trug.

 

Er warf den hohen Ernst der kritischen Gebärde

Nie auf ein Mitgeschöpf, nie außer sich herum.

Der Schnarcher suchte nie, so weit ihn Gottes Erde

Auch trug, dass er bewundert werde,

Ein größres Auditorium.

 

Nur still erbaut‘ er mich. Von seinem gelben Felle

Blickt‘ ich gestärkter auf in die beblümte Flur:

Mein krankes Auge stieg von seiner Lagerstelle

Gemach vom Dunkeln in das Helle

Bis zu dem Lichtquell der Natur.

 

Wenn er sich schüttelte, las ich in seinen Blicken

Den herrlichen Beweis vortrefflich kommentiert,

Den einst, vom Übergang des Schmerzes zum Entzücken,

Aus gleicher Notdurft sich zu jücken,

Der weise Sokrates geführt.

 

Kein unbequemer Freund, kein Trunkenbold, kein Fresser,

In richtiger Mensur, nicht stolz, nicht zu gemein,

Schlief er sein Leben durch, und wahrlich, desto besser!

Er schläferte, wie ein Professer,

Auch seinen klügern Nachbar ein.

 

Wie hast du, guter Mops, nicht meiner Stirne Falten,

Sah ich dem Grillenspiel der deinen zu, gegleicht!

Gewarnter nun durch dich, frühzeitig zu veralten,

Sei immer dir mein Dank erhalten!

Auch dir sei Gottes Erde leicht!

Moritz August von Thümmel (1738 – 1817

So urteilte Goethe über das Kleinepos „Wilhelmine“ des schreibenden Kammerjunkers Moritz August von Thümmel, zu Lebzeiten der meistgelesene Romanautor Deutschlands: „... eine kleine geistreiche Komposition, so angenehm als kühn, erwarb sich großen Beifall, vielleicht auch deswegen, weil der Verfasser, ein Edelmann und Hofgenosse, die eigene Klasse nicht eben schonend behandelte“ –  Und so hebt es an, das kleine Epos: „Einen seltenen Sieg der Liebe sing ich, den ein armer Dorfprediger über einen vornehmen Hofmarschall erhielt, der ihm seine Geliebte vier lange Jahre entfernte, doch endlich durch das Schicksal gezwungen ward, sie ihm geputzt und artig wieder zurück zu bringen.“ Einer wie Lessing, dieser Herr von Thümmel: Meister der Ironie und pointierender Stilist. Im Klagegesang auf seinen verstorbenen Mops charakterisiert er nicht nur den geliebten Schnarcher – auch sich selbst, und der Spott zielt ebenso unverhohlen auf die stirnrunzelnden Herren Philosophen der Zeit.