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Mirandoa

Eva strahlte. Adam maulte. Als Chef und einziger Angestellter seiner kleinen Firma Adam‘s Craziness, die sich mit der Entwicklung von Computerspielen herumschlug, hatte Adam überhaupt keine Zeit. Unentwegt hatte er Einfälle. Die ihn bis in den Schlaf hinein verfolgten. Unentwegt saß er vor einem Computer. Oft in der Besenkammer, die er zu seiner Lieblingsarbeitsnische ausgebaut hatte. Manchmal hockte er vor seinem Zweitcomputer im Schlafzimmer, wenn Eva Besuch hatte. Vor einem Drittcomputer im Fahrradkeller, wenn Eva sich im Geigenspiel übte. Und manchmal verzog Adam sich mit seinem Laptop sogar aufs Dach, wenn er das Bedürfnis verspürte, den weltumlaufenden Datenströmen besonders nahe zu sein. Gern hörte Adam sich dann sagen: «Wie du das wieder angehst, mein Junge, genial!» Und er hatte ein Wort in ständigem Gebrauch, von dem er behauptete, es im Alter von drei Jahren selbst erfunden zu haben: Kreativdruck. Dem er sich, wie er vorgab, bedingungslos zu beugen habe. «Ich bin meinen Einfällen verpflichtet, und insofern halte ich mich für nicht alltagstauglich!» – «Du gehst trotzdem mit!» entschied Eva. Sie hatte bei einem Preisausschreiben zwei Eintrittskarten für das Insel-Museum gewonnen. Normalerweise hätte sie sich um Kaufkarten bemühen müssen, ja, ohne Vorbestellung wäre ihr Kartentraum nie in Erfüllung gegangen, und es hätte Jahre gedauert, keine Frage, ehe sie mit einer Bestellung zum Erfolg gekommen wäre. Das Insel-Museum war das beliebteste Ausflugsziel weltweit, und es galt die Regel, dass täglich immer nur ein Besucherpaar eingelassen werden durfte. Museumsdirektor Bottersturz warb sehr erfolgreich mit dem Slogan: «Finden Sie bei uns Ihr ganz persönliches Inselglück!»

An einem Freitag, einem dreizehnten obendrein, um Punkt 11 Uhr morgens, öffnete man Eva und Adam die Museumstür. Eine Uhr hinter der Tür hatte gerade elfmal Kuckuck gerufen, leise Musik plätscherte ihnen beim Eintreten entgegen, ein angenehm süßlicher Duft durchflutete den Raum. Der Museumsdiener sammelte ihre Handys ein – elektromagnetische Felder, so erklärte er und zog dabei wichtigtuerisch eine Augenbraue hoch, minderten die Wirksamkeit der Simulationssysteme des Museums, Handys seien nicht erlaubt – und da steuerte auch schon Direktor Bottersturz auf sie zu. «Gnädige Frau», rief er im Heranstürmen, «mein lieber Herr Adam, wie schön, dass Sie sich auf dieses Abenteuer einlassen wollen!» – «Wieso wollen?» knurrte Adam. «Von wollen kann überhaupt keine Rede sein!» Eva knuffte ihn in die Seite. – «Also dann: geradeaus und zweimal links, immer den Hinweistafeln nach!» Der Direktor wies mit großer Geste den Weg. «Dort haben wir alles für Sie vorbereitet, gnädige Frau, wie von Ihnen bestellt!» Direktor Bottersturz nickte Eva anerkennend zu. «Eine wirklich originelle Bestellung, die Sie da in Auftrag gegeben haben!» Und zu Adam gewandt, fügte er an: «Ihre Frau Gemahlin hat uns mit vielen kleinen persönlichen Geheimnissen versorgt, so dass wir für Sie Beide eine ganz spezielle Glücksrezeptur erarbeiten konnten! Was sagen Sie!» – «Aha.» sagte Adam. – «Nun denn: Hals- und Beinbruch bei Ihrem Start in den Tag eins einer neuen Zeitrechnung!» Der Direktor machte eine Verbeugung, dann wedelte er davon. Adam guckte ihm hinterher und brummte: «Was redet der Mensch für einen Schwachsinn?» Eva nahm Adam wortlos am Ellenbogen und zog ihn mit sich fort.

Der Weg führte Eva und Adam zur Wunschtrauminsel Mirandoa. Auf Mirandoa freute Eva sich. Von allen Wunsch­trauminseln, die das Museum in seinem Katalog führte, war Mirandoa «die lauschigste», so hatte es Eva ein paar Tage vorher beim Abendessen aus dem Museumskatalog vorgelesen. «Ach, Adam, was sagst du: Endlich einmal alles hinter uns lassen, die Firma, die Streitereien, raus aus dem Trubel, endlich einmal nur wir beide – da stehts! – eintauchen in ungestörte Glückseligkeit!»

Sie saßen am Küchentisch. Adam hatte sich gerade einen Frikadellenhappen in den Mund geschoben, hatte genickt und gebrummt: «Wenn ich ehrlich sein soll: Für ungestörte Glückseligkeit bin ich überhaupt nicht der Typ.»

«Aber, Adam! Eine nervöse Natur wie du, die muss auch mal die Luft anhalten!»

«Seit wann bin ich eine nervöse Natur?»

«Das bist du, und das weißt du auch!»

«Das redest du mir ein!» Adam legte seine Gabel neben den Teller und tippte eine Mail-Abfrage in sein Handy, das neben dem Teller auf dem Tisch lag. «Keine neuen eMails» – wurde gemeldet. Adam ärgerte sich. «Zu einem normalen Abendessen gehören ein paar Mails, oder?» knurrte er. Er schob das Handy beiseite. «Ich hab schon gar keine Lust mehr auf dieses … dieses Museum!»

«Aber, Adam, nun markier doch nicht den Dickschädel, du gehst mit und lässt ein bisschen unberührte Natur an dich heran! Ein Mensch wie du, der nur noch mit seinen Computern verheiratet ist – wenn du mich fragst: So einer schwebt in akuter Lebensgefahr!»

«Lebensgefahr?» Adam verschluckte sich an einem Frikadellenkrümel. «Dass ich nicht lache!»

«Adam, antworte mir! Ehrlich! Wann hast du mich zum letzten Mal geküsst?»

«Komische Frage, na … na, heute Morgen vor dem Aufstehen, wenn ich mich richtig erinnere?»

«Das warst nicht du, Adam.»

«Wer denn sonst, bitteschön?»

«Irgendein Fremder, was weiß ich, irgendeiner dieser Supermänner aus deinen Computerspielen, aber nicht du!»

«Was redest du denn da!»

«Eine Frau spürt so etwas, Adam. Bei irgendeinem von diesen Plastikcasanovas hast du dir den Kuss abgeguckt, und bei mir bist du ihn dann heute Morgen losgeworden. So kam es mir vor. Und nicht zum ersten Mal!»

«Eva, du suchst Streit! Den kannst du haben!»

Eva rückte ihre Brille gerade, die ihr verrutscht war. «Reg dich nicht auf, Adam, wir werden dich schon zu retten wissen, das hab ich mir geschworen!»

«Wer: wir?»

«Na, ich!»

«Und wenn ich nicht gerettet werden will?»

«Du willst, Adam, du weißt es nur noch nicht!»

Adam griff leise aufstöhnend zum Bierglas. «Ich frage mich Eva …»

«Keine Fragen mehr, Adam, bitte! Sonst verschluckst du dich wieder.»

«Dann erklär mir wenigstens, was hat ein halbwegs vernünftiger Mensch wie ich auf einer … einer Wunsch­trauminsel verloren!»

«Ach, Adam, du ahnst ja gar nicht, was dich erwartet! Da! Da stehts!» Und Eva hatte aus dem Katalog vorgelesen: «Mirandoa, im Volksmund auch Die Betäubende genannt, ist eine Insel mit Kokospalmen und rauschenden Quellen, mit Orchideenzauber und beseligendem Vogelgezwitscher. Du kannst dir gar nicht vorstellen, Adam, wie ich mich darauf freue! Und jetzt geh ich in die Badewanne! Ein bisschen träumen! Im Voraus! Könnte dir auch gut tun!»

Adam verzog das Gesicht. «Keine Zeit!»

 

Im Museum waren die beiden Besucher den Wegweisern gefolgt, und Adam hatte sich ohne weitere Gegenwehr von Eva zum Ufer der Wunschtrauminsel Mirandoa ziehen lassen. Da stand er nun, gelangweilt, ließ weißen Sand durch die Finger rinnen, und er hätte jetzt am liebsten an der Museums-Bar einen Cappuccino geschlürft, ein paar Suchabfragen in sein Handy getippt oder, besser noch, auf seinem Tablett eines seiner selbst erdachten Computerspiele aufgerufen. Zum Beispiel: Rocco Wucht besiegt das Meeresmonster. Eine Figur, die Adam sich ausgedacht hatte: Rocco Wucht. Eine Heldengestalt, in die Adam sich gelegentlich selbst hineinversetzte. In Gedanken. Zum Beispiel auch in der Episode: Rocco Wucht im Kampf mit den Spiegelbildern. Adam sah sich sich geradezu herausgefordert, in diesen Kampf zu ziehen, wenn er nur daran dachte. Das wäre jetzt, ging es ihm durch den Kopf, eine sinnvolle Beschäftigung gewesen.

Eva ließ sich die Museumssonne ins Gesicht scheinen. Sie knöpfte ihr Sommerkleid oben herum auf, dann zog sie ihren Mann am Ellenbogen weiter Richtung Inselmitte. Dort war ein Schild aufgestellt: «Achtung, Zeitenumkehr!» Adam fragte sich, was das zu bedeuten habe, Eva fächelte sich den süßlichen Duft in die Nase, der nun geradezu verführerisch von überallher auf sie zugeströmt kam …

… und sie sieht, wie Adam plötzlich die Augen verdreht! In dieser Sekunde bricht über Eva und Adam die Katastrophe herein.

An einem Freitag, dem 13.

Dem Tag eins einer neuen Zeitrechnung, um genau 11 Uhr 55 Globalzeit …

Um 11 Uhr 55 bleiben auf der ganzen Welt die Uhren stehen. Denn auf der ganzen Welt ist um 11 Uhr 55 der Strom ausgefallen. Von dem Stromausfall sind sämtliche Rechenzentren der Erde betroffen. Auch die interplanetaren Kraftwerke haben ihre Energielieferungen eingestellt, sodass sämtliche Versorgungsnetze wie auf Knopfdruck zusammengebrochen sind. Die Monitore weltweit flackern zwar noch eine Weile über Reservestrom, schließlich aber verlöschen sie. Auch das Licht der Sonne verlöscht an diesem Freitag. Um Punkt 11 Uhr 55 wird es auf der ganzen Welt dunkel. Im gleichen Augenblick gibt es einen großen Knall – dann ist es eine Weile still auf der Welt. Die Menschen auf der ganzen Welt sind in eine plötzliche Ohnmacht gefallen …