Kurt Tucholsky

Peter Welk – Gedichte und Geschichten

Kurt Tucholsky

Die pointierten Texte, die so leichthin daherkommen, die hat er sich hart arbeitend „aus der Seele geschüttelt“ und die blitzfrechen Wahrheiten nie aus dem Ärmel. Tucholsky war Feinstilistiker. Und, wenn er an einer Chansonzeile feilte, Sänger. Heute teilt Tucholsky Heines Schicksal: Er ist abgemeldet. Nicht der Dichter Tucholsky – der Satiriker und Chronist. 1926 hat er unter dem Pseudonym Kaspar Hauser in der Wochenzeitung Die Weltbühne den Text Gruß nach vorn veröffentlicht: „Lieber Leser 1985 …“ – so fängt er an. Und wehmütig konstatiert er ein paar Zeilen weiter: „Alles an mir erscheint dir altmodisch, meine Art zu schreiben und meine Grammatik und meine Haltung …

Ick bin die allerneuste Zeiterscheinung,

Sie treffen mir an alle Orte an –

Ick pfeife uff die öffentliche Meinung,

Weil ick als Raffke mir det leisten kann.

Ick bin die feinste von die feinen Nummern,

Ick steh schon in die Illustrierte drin;

Denn ob Jeschäfte oder Sekt und Hummern:

Ick knie mir rin, ick knie mir richtig rin!

 

Meen Vata war ein kleener Weichenstella,

Und meene Jugend, die war sehr bewecht –

Ick stand doch damals in’ Jemisekella,

Und habe mit die Jurken einjelecht.

Denn stieg ick uff. Und wurde richtig Raffke.

Und steckt die janze Welt in’ Dalles drin: –

Det macht mir nischt, denn ick vadiene daffke.

Ick knie mir rin, ick knie mir richtig rin!

 

Von wejen Kunst un so – ick kenn Tosellin!

Ick weeß, der Strauß, der geigt det hohe Fis.

Nur weeß ick nischt Jenaus von B-b-boticellin,

Ob det nun’n Cognak oder’n Keese is,

’n Bild in Auftrag jeben tu ick imma,

Weil ick nu mal’, jawoll, Meezeene bin –

Jefällt mir’t nisch, häng icks ins Badezimma:

Ick knie mir rin, ick knie mir richtig rin!

 

In der Jeschäfte wüsten Lärm und Hasten

Vajess ick ooch die süße Liebe nich.

Sie, meene Olle is valleicht ’n Kasten,

Die hat so zweenhalb Zentner Schwerjewicht!

Aus meinen Schloss mit seine Silberputten,

Da mach ick raus, wenn ick alleene bin –

Et jibt ja Jott sei Dank noch so viel Nutten –

Ick knie mir rin, ick knie mir richtig rin!

 

Wat Sie hier sehn an meine dicken Händen,

Den janzen Perlen- und Brillantsalat –

Sie, det sin allet meine Dividenden,

Denn ick bin dreißigfacher Aufsichtsrat.

Und in den alljemeinen Weltenkollar,

Da schieb ick still zur Bank von England hin:

Und macht ihrs doll – ick mache immer Dollar!

Ick knie mir rin, ick knie mir richtig rin!

 

George Grosz: Schönheit, dich will ich preisen

 … ah, klopf mir nicht auf die Schulter, das habe ich nicht gerne. Vergeblich will ich dir sagen, wie wir es gehabt haben, und wie es gewesen ist ... nichts. Du lächelst, ohnmächtig hallt meine Stimme aus der Vergangenheit, und du weißt alles besser.“ – „Geh mit Gott, oder wie ihr das Ding dann nennt“ – ruft er dem lieben Leser 1985 zu – „wir haben uns wohl nicht allzu viel mitzuteilen, wir Mittelmäßigen. Wir sind zerlebt, unser Inhalt ist mit uns dahingegangen.“

 

Aber der Dahingegangene war Gott sei Dank auch Dichter. Und insofern für die Unsterblichkeit vorgemerkt.

Raffke

 

Raffke von Peter Welk

auf einen alten Tango gesungen