Klabund

Peter Welk – Gedichte und Geschichten

Ich baumle mit de Beene

Meine Mutter liegt im Bette,

Denn sie kriegt das dritte Kind;

Meine Schwester geht zur Mette,

Weil wir so katholisch sind.

Manchmal troppt mir eine Träne

Und im Herzen pupperts schwer;

Und ich baumle mit de Beene,

Mit de Beene vor mich her.

 

Neulich kommt ein Herr gegangen

Mittem violetten Schal,

Und er hat sich eingehangen,

Und es ging nach Jeschkenthal!

Sonntag wars. Er grinste: »Kleene,

Wa, dein Portmene is leer?«

Und ich baumle mit de Beene,

Mit de Beene vor mich her.

Vatern sitzt zum zigsten Male,

Wegen »Hm« in Plötzensee,

Und die Nacht hängt überm Tale,

Und der Mutter tuts so weh!

Ja, so gut wie der hats keener,

Fressen kriegt er und noch mehr,

Und er baumelt mit de Beene,

Mit de Beene vor sich her.

 

Manchmal in den Vollmondnächten

Träum ick gar so wunderlich:

Dass sie meinen Emil brächten,

Weil er auf dem Striche strich!

Früh um dreie krähen Hähne,

Und ein Galgen ragt, und er …?

Emil baumelt mit de Beene,

Mit de Beene vor sich her.

Klabund 1890 – 1928 (Bild Wikipedia)

Es gibt einen in der Literatur – Alfred Henschke, bekannt geworden unter dem Pseudonym „Klabund“ (eine Wortschöpfung, zusammengesetzt aus Klabautermann und Vagabund) – ein Satiriker und Dichter zugleich, der in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts Gedichte und Geschichten von der Liebe schrieb, die er mit der Fabulierlust des vagabundierenden Hinterhofsängers vorzugsweise im Tode enden ließ.

 

Klabund war der Sohn eines Apothekerehepaares. Abitur in Frankfurt an der Oder, Studium in München: Chemie und Philosophie, in Berlin später Theaterwissenschaften. Klabund veröffentlichte 1917 in der Neuen Züricher Zeitung einen offenen Brief an Kaiser Wilhelm II. mit der Aufforderung, abzudanken: „Majestät: erkennen Sie die Zeit! In ihr: die Blüte der Ewigkeit! Erkennen Sie, dass alle Machtideen in diesem Kriege Schiffbruch gelitten haben. Die Macht ist ein tönerner Götze, wenn Geist, Güte und Gerechtigkeit nicht mit ihr verbunden sind. Es muss vorbei sein mit den Prinzipien der Macht: Herrschsucht, Hoffart, Polizeigeist, Götzendienerei, Byzantinismus, Mammonismus …“ Gegen Klabund wurde daraufhin ein Verfahren wegen Vaterlandsverrat und Majestätsbeleidigung eingeleitet.

 

Der Dichter starb mit 38 Jahren an Tuberkulose, die er lebenslang mit sich herumgeschleppt hatte. Die Grabrede hielt sein Freund Gottfried Benn. Eine Grabrede vor seinem Tod, hat Klabund sich selbst geschrieben. Der Titel: Heimkehr.