Heinrich Heine

Peter Welk – Gedichte und Geschichten

Eine Rosenknospe war

Sie, für die mein Herze glühte;

Doch sie wuchs, und wunderbar

Schoss sie auf in voller Blüte.

Ward die schönste Ros‘ im Land,

Und ich wollt die Rose brechen,

Doch sie wusste mich pikant

Mit den Dornen fortzustechen.

Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt

Und verklatscht von Wind und Regen –

»Liebster Heinrich« bin ich jetzt,

Liebend kommt sie mir entgegen.

Heinrich hinten, Heinrich vorn,

Klingt es jetzt mit süßen Tönen;

Sticht mich jetzt etwa ein Dorn,

Ist es an dem Kinn der Schönen.

Allzu hart die Borsten sind,

Die des Kinnes Wärzchen zieren –

Geh ins Kloster, liebes Kind,

Oder lasse dich rasieren.

Mitschnitte vom 7. Hildener Literaturkonzert 2013

Wie langsam kriechet sie dahin,

Die Zeit, die schauderhafte Schnecke!

Ich aber, ganz bewegungslos

Blieb ich hier auf demselben Flecke.

In meine dunkle Zelle dringt

Kein Sonnenstrahl, kein Hoffnungsschimmer,

Ich weiß, nur mit der Kirchhofsgruft

Vertausch ich dies fatale Zimmer.

Vielleicht bin ich gestorben längst;

Es sind vielleicht nur Spukgestalten

Die Phantasien, die des Nachts

Im Hirn den bunten Umzug halten.

Es mögen wohl Gespenster sein,

Altheidnisch göttlichen Gelichters;

Sie wählen gern zum Tummelplatz

Den Schädel eines toten Dichters. –

Die schaurig süßen Orgia,

Das nächtlich tolle Geistertreiben,

Sucht des Poeten Leichenhand

Manchmal am Morgen aufzuschreiben.

Alle haben ihren Heine.

„Ich lasse mir auch von Heine meinen Heine nicht vermiesen.“ So brachte es in einem Zeitungsinterview die Heine-Preisträgerin Alice Schwarzer pointierend auf den Punkt. Meinen Heine – der in persönlichen Besitz genommene Dichter, von dem man bis heute nicht weiß, wie er ausgesehen hat. Er hätte sich fotografieren lassen können, hat er aber nicht. Auf keinem der zahlreichen Porträts, die es gemalt und gezeichnet von ihm gibt, habe er sich ähnlich gesehen, urteilten die Zeitgenossen. Heine – der Maskenspieler? Die Leute gehen zu den Lesungen und alle bringen sie im Kopf ihren Heine mit. Heine, den Verführer, zum Beispiel. War er denn tatsächlich dieser patentierte Frauenheld, als den er sich in seinen Gedichten darstellte? Ein Liebeslyriker war er – und was für einer! Der am Lebensende sein vermeintliches Verführertum orakelnd so zusammenfasste: „Wirklich geliebt habe ich nur Statuen und Tote.“

Babylonische Sorgen

Mich ruft der Tod – Ich wollt, o Süße,

Dass ich dich in einem Wald verließe,

In einem jener Tannenforsten,

Wo Wölfe heulen, Geier horsten

Und schrecklich grunzt die wilde Sau,

Des blonden Ebers Ehefrau.

 

Mich ruft der Tod – Es wär noch besser,

Müsst ich auf hohem Seegewässer

Verlassen dich, mein Weib, mein Kind,

Wenngleich der tolle Nordpolwind

Dort peitscht die Wellen, und aus den Tiefen

Die Ungetüme, die dort schliefen,

Haifisch’ und Krokodile, kommen

Mit offnem Rachen emporgeschwommen –

Glaub mir, mein Kind, mein Weib, Mathilde,

Nicht so gefährlich ist das wilde,

Erzürnte Meer und der trotzige Wald,

Als unser jetziger Aufenthalt!

 

 

 

Wie schrecklich auch der Wolf und der Geier,

Haifische und sonstige Meerungeheuer:

Viel grimmere, schlimmere Bestien enthält

Paris, die leuchtende Hauptstadt der Welt,

Das singende, springende, schöne Paris,

Die Hölle der Engel, der Teufel Paradies -

Dass ich dich hier verlassen soll,

Das macht mich verrückt, das macht mich toll!

 

Mit spöttischem Sumsen mein Bett umschwirrn

Die schwarzen Fliegen; auf Nase und Stirn

Setzen sie sich – fatales Gelichter!

Etwelche haben wie Menschengesichter,

Auch Elefantenrüssel daran,

Wie Gott Ganesa in Hindostan.

In meinem Hirne rumort es und knackt,

Ich glaube, da wird ein Koffer gepackt,

Und mein Verstand reist ab – o wehe –

Noch früher als ich selber gehe.

Es sind vielleicht nur Spukgestalten

Heinrich Heine 1797 – 1856