Guy de Maupassant

Peter Welk – Gedichte und Geschichten

Pariser Abenteuer

Guy de Maupassant “Pariser Abenteuer - live mit Peter Welk

Musette-Akkordeon Lutz Strenger

Mitschnitt vom 8. Hildener Literaturkonzert, Juni 2013

 

Guy de Maupassant 1850 – 1893

Pariser Abenteuer

 

Gibt es ein brennenderes Gefühl für eine Frau als die Neugier? Was gäbe sie darum, das, wovon sie geträumt hat, kennen zu lernen und zu erleben! Ist die ungeduldige Neugierde einer Frau einmal geweckt, kann sie aller Dummheiten, jeder Verrücktheit fähig sein. Sie wird alles wagen, vor nichts zurückschrecken.

 

Die Frau, deren Geschichte ich erzählen will, war eine kleine, bis dahin in ihrer Naivität anständige Provinzlerin. Ihr Leben lief äußerlich unbewegt in ihren vier Wänden dahin, zwischen einem viel beschäftigten Manne und zwei Kindern, die sie tadellos erzog. Aber ihr Herz bebte vor ungestillter, quälender Sehnsucht nach irgend etwas, das sie selbst nicht benennen konnte. Immer dachte sie an Paris. Sie verschlang die Zeitungen. Und was darin stand von Festen, Abendtoiletten, Vergnügungen, weckte in ihr stürmische Wünsche. Am stärksten erregten sie die kleinen Notizen voller Andeutungen, die halb verschleierten Sätze, die etwas ahnen ließen von sündhaft ausschweifenden Freuden.

 

Aus der Ferne schien ihr Paris wie ein Traum von wunderbarer, verderbter Üppigkeit. Und in den langen Nächten, wo ihr das regelmäßige Schnarchen ihres Gatten ein Wiegenlied sang, ihres Gatten, der mit der Schlafmütze auf dem Schädel an ihrer Seite auf dem Rücken lag, da dachte sie an jene berühmten Männer, deren Namen auf der ersten Seite der Zeitungen oft genannt wurden, gleich leuchtenden Sternen am dunklen Himmel. Sie stellte sich das unvergleichliche Leben dieser Leute vor, voller Schwelgereien, voll antiker Orgien von furchtbarer Sinnlichkeit, voll heimlicher Überdrehtheiten des Gemüts – nicht auszudenken! …