Peter Welk – Gedichte und Geschichten

Autor und Schauspieler Peter Welk ist der künstlerische Leiter der Düsseldorfer Literaturkonzerte, eine der erfolgreichsten Veranstaltungsreihen der Düsseldorfer Zentralbibliothek („ein Publikumsmagnet“ – Rheinische Post). Viele der in seinem aktuellen Buch MIRANDOA veröffentlichten Erzählungen hat Welk bei den Literaturkonzerten vorgestellt, die meisten hat er auch als Hörbuch veröffentlicht.

Mirandoa – das Buch

ISBN 978-3-00-050149-4

Eine Lesermeinung zu den Erzählungen: „Hab‘s mit Vergnügen gelesen! Schöne Ideen, auch mit (verdeckter) Moral ohne Zeigefinger, pointierte Satire, einfach, ohne banal zu sein. Es erinnert mich an drei große Kollegen: an die Einfachheit und Menschlichkeit von O‘Henry, das Irrationale von Bradbury und den Zynismus von Roald Dahl.“

Klicken Sie im Menüband auf einen Titel

Peter Welk – Erzählungen

Leseproben und Hörbeispiele aus MIRANDOA können über die Titel im Menüband (etwas weiter unten) aufgerufen werden.

Die Krähe auf der Schulter des Fräuleins

Herr Glockbergl steuerte auf die Parkbank zu. Er wollte einen Moment lang durchatmen. Nachdenken. Einen Entschluss fassen. Die Parkbank war unbesetzt. Nur eine Krähe hockte oben auf der Rückenlehne und starrte aufmerksam dem Herankommenden entgegen. Herr Glockbergl hoffte, sie würde dort hocken bleiben. Er wünschte sich Gesellschaft. Keine Spaziergänger, er wollte mit niemandem reden. Ein stummer Zuschauer wäre ihm willkommen gewesen. Der hätte ihn eine Weile noch ans Leben erinnert. Die Krähe flog auf.

Nachdem Herr Glockbergl sich gesetzt hatte, versuchte er es mit dem Nachdenken. Aber er schaffte es nicht, seine Gedanken zusammenzuhalten. Sie fuhren im Kopf Karussell. Das beunruhigte ihn. Er atmete stoßweise. Verfiel in ein kreisendes Schwanken. Von Bewusstseinsstörungen hatte der Hausarzt gesprochen, die sich mit der Zeit verstärken könnten. Herr Glockbergl tupfte sich mit dem Handrücken Schweißperlen von der Stirn. Sollte er jetzt einfach die Augen schließen, nach der Giftampulle in seiner Hosentasche greifen, vielleicht noch einmal laut auflachen, um sich dann mit seinem letzten Lachen aus der Welt zu verabschieden? Eine Wolke fiel ihm auf, die über seinen Kopf hinwegschwebte. Die ihn an ein Schaf erinnerte. Als Kind hatte er ein Schaf geliebt. Das schwebte jetzt über ihm, so kam es ihm vor. Er blickte dem Schaf gebannt nach …

Die Erzählung

als mp3-Datei

zum Hören

und Herunterladen

Schönes Götterfunken

Warum soll an einem warmen Frühsommerabend nicht die Welt untergehen? So etwas ist doch denkbar, oder? Wenn man eine Neigung zu verspielter Albträumerei hat, ist so etwas nicht nur denkbar – man könnte es sich sogar als eine sommerabendlich handfeste Geschichte vorstellen, oder? Nun … ich habe diese Neigung, du vielleicht auch! Dann geben wir unserer Geschichte doch den Titel „Schönes Götterfunken” – und so lassen wir sie anfangen: Da ist ein See, am Ufer des Sees steht ein Baum, unter dem Baum sitzt eine Göttin. Eine kleine Göttin. Sie weiß es: Sie ist eine Göttin, und sie ist klein. Der Baum hinter ihr überragt sie, der ist groß.

Die kleine Göttin hat von irgendwoher eine Stimme vernommen. Karl, die Stimme. „Hör mir zu!” hatte Karl, die Stimme, gerufen. Und jetzt rief sie es wieder: „Hör mir zu, kleine Göttin!”

„Du … du bist Karl, die Stimme, ich weiß es! Von woher rufst du?” erkundigte sich die kleine Göttin.

Am Ufer des Sees kräuselte sich das Wasser, und Karl, die Stimme, rief: „Die Welt geht unter, kleine Göttin! Hilf uns! Es eilt!”

„Von woher rufst du, Karl?”

Die Worte der kleinen Göttin rauschten als Echo auf sie zurück. Von irgendwoher. Aber sie bekam keine Antwort auf ihre Frage. Sie blickte sich um. Vor ihr lag der See. Sie schaute auf das Bild des Sees, schaute auf den Baum hinter ihr, und sie wusste es: Karl, die Stimme, hatte sich das alles ausgedacht. Und Karl hatte sie in sein Bild hineingesetzt …

 

 

 

Einstieg in die Erzählung

als mp3-Datei

zum Hören

und Herunterladen hier!

Romeo und Jule

Puffelmuder schwieg mit sich selbst. Die Abendvorstellung war beendet, die Leute waren nach Hause gegangen, nur er nicht, Puffelmuder. Er hatte heute Abend seine Abschiedsvorstellung gegeben. Zum letzten Mal hatte sich der Vorhang für ihn gehoben, noch einmal war er in der Rolle Gottvaters in Goethes Faust–Vorspiel auf sein Publikum zugegangen – und nun also hatte seine Bühnenlaufbahn zu ihrem Ende gefunden. Ohne einen Ruf des Bedauerns aus dem Zuschauerraum, ohne ein verhallendes Bravo für seine letzte künstlerische Leistung. Faust wurde vom Spielplan genommen, Puffelmuder konnte gehen.

Nach der Vorstellung hatte sich Puffelmuder im Theater einschließen lassen. Von niemandem bemerkt. Die Faust–Dekoration war abgeräumt worden, und man hatte die Kulissen für die Premiere von „Romeo und Julia“ aufgebaut, die für den folgenden Abend geplant war. Regisseur Hümmelich, der das Stück auf einer Müllhalde spielen ließ, hatte mit Hilfe des Pförtners in Eile einen klapprigen Fiat 500 hereingeschoben, den er am Vormittag einem Schrotthändler abgekauft hatte. Das Teil werde seiner Inszenierung auf besonders originelle Weise einen venezianischen Anstrich geben, erklärte er. Dann war der Regisseur gegangen, der Pförtner hatte das Licht gelöscht – und jetzt also hockte der Schauspieler Puffelmuder im Dunkeln zwischen Blechdosen und Stuhlbeinen und Autoreifen vor einem abgewrackten Fiat 500 und schwieg mit sich selbst

 

Einstieg in die Erzählung

als mp3-Datei

zum Hören

und Herunterladen hier!

Mirandoa

Eva strahlte. Adam maulte.

Als Chef und einziger Angestellter seiner kleinen Firma „Adam‘s Craziness“, die sich mit der Entwicklung von Computerspielen herumschlug, hatte Adam überhaupt keine Zeit. Unentwegt hatte er Einfälle. Die ihn bis in den Schlaf hinein verfolgten. Unentwegt saß er vor einem Computer. Oft in der Besenkammer, die er zu seiner Lieblingsarbeitsnische ausgebaut hatte. Manchmal hockte er vor seinem Zweitcomputer im Schlafzimmer, wenn Eva Besuch hatte. Vor einem Drittcomputer im Fahrradkeller, wenn Eva sich im Geigenspiel übte. Und manchmal verzog Adam sich mit seinem Laptop sogar aufs Dach, wenn er das Bedürfnis verspürte, den weltumlaufenden Datenströmen besonders nahe zu sein. Gern hörte Adam sich dann sagen: „Wie du das wieder angehst, mein Junge: genial!“ Und er hatte ein Wort in ständigem Gebrauch, von dem er behauptete, es im Alter von drei Jahren selbst erfunden zu haben: Kreativdruck. Dem er sich, wie er vorgab, bedingungslos  zu beugen habe. „Ich bin meinen Einfällen verpflichtet, und insofern halte ich mich für nicht alltagstauglich!“ – „Du gehst trotzdem mit!“ entschied Eva. Sie hatte bei einem Preisausschreiben zwei Eintrittskarten für das Insel-Museum gewonnen. Normalerweise hätte sie sich um Kaufkarten bemühen müssen, ja, ohne Vorbestellung wäre ihr Kartentraum nie in Erfüllung gegangen, und es hätte Jahre gedauert, keine Frage, ehe sie mit einer Bestellung zum Erfolg gekommen wäre. Das Insel-Museum war das beliebteste Ausflugsziel weltweit, und es galt die Regel, dass täglich immer nur ein Besucherpaar eingelassen werden durfte. Museumsdirektor Bottersturz warb sehr erfolgreich mit dem Slogan: „Finden Sie bei uns Ihr ganz persönliches Inselglück!“

 

 

Einstieg in die Erzählung

als mp3-Datei

zum Hören

und Herunterladen hier!

Ist es schon Tollheit – hat es doch Methode

Der Pförtner machte sich hinter seiner Scheibe lang: „Sie wünschen?“ fragte er den älteren Herrn. Der war gerade mit einem sanft näselnden „Guten Morgen!“ auf das geöffnete kleine Rundfenster zugegangen, hinter dem der Pförtner freundlich und auch ein wenig gelangweilt guckte. „Nun, ich wünsche“, antwortete der ältere Herr, „die Stelle als Regieassistent zu bekommen.“ – „Aha!“ sagte der Pförtner. Dann fragte er: „Sie heißen?“ – „Gründgens.“ – „Aha. Ihr Vorname?“ – „Gustaf mit f.“ – „Mit f, aha. Ja, dann warten Sie mal, ich schreib dann mal gleich Ihren Namen ins Besucherbuch, aber jetzt ruf ich erst mal das Vorzimmer an.“ – „Danke“, sagte der ältere Herr.

„Ja, hier die Pforte, Frau Ledeldeng … also, da steht hier ein Herr, der will sich als Regieassistent bewerben … nein, kein junger Mann, ein“ – der Pförtner lugte durch die Scheibe – „ein eher älterer Herr … wie alt?“ Der Pförtner senkte die Stimme: „Schwer zu schätzen“, murmelte er in den Hörer, „alterslos, wenn Sie mich fragen … wie er aussieht? Ja, na ja, wie sieht er aus … nicht wie unsere Regieassistenten sonst, eher gepflegt.“ – Der Pförtner lächelte dem älteren Herrn aufmunternd zu: „Ob Sie schon mal als Regieassistent gearbeitet haben, will das Vorzimmer wissen?“ – Der ältere Herr nickte. – „Ja, er hat!“ Eine Pause entstand, der Pförtner hörte auf die Telefonstimme aus dem Vorzimmer. „Ob Sie so etwas wie ein Empfehlungsschreiben mithaben, will die Frau Ledeldeng wissen.“ – „Ich könnte mir eines schreiben.“ – „Er könnte sich eins schreiben“, gab es der Pförtner durchs Telefon weiter. – „Aha, ja. Ich verstehe“, sagte er dann, und zu dem älteren Herrn gewandt, fügte er erklärend hinzu: „Die Frau Ledeldeng fand das lustig und kommt runter.“ Er legte auf.

 

Der gesamte Text als pdf-Datei ist hier abrufbar ... >>>

Die gesamte Erzählung

als mp3-Dateien

zum Hören

und Herunterladen

Der Himmel über Gernheide

Alois Wunschwachtel stand im Regen. Es regnete wie aus Kannen. Es blitzte. Und es donnerte auffallend laut. So, als habe da gerade jemand den Zorn des Himmels herausgefordert. Aber Alois Wunschwachtel war sich keiner Schuld bewusst. Auf seinem täglichen Morgenspaziergang war er für einen Moment auf dem Bürgersteig stehen geblieben und hatte sich an einem Bild auf den Pflastersteinen festgeguckt. Das Bild zeigte mit Kreide hingestrichelte Gesichter, denen üppig wallende Locken übergeworfen waren. Vielleicht von Kindern dorthin gemalt. Alois hatte sich zu dem Bild hinuntergebückt: Es erinnerte ihn – ja, an was? Er grübelte. Die Sonne wärmte ihm den Nacken. Ein Hund bellte ihn im Vorbeirennen an – und plötzlich war ein Ruck durch Alois Wunschwachtel gegangen. Langsam hatte er sich aufgerichtet, denn er sah sich zu seiner Überraschung mit einer Frage konfrontiert, einer Frage, die ihm bisher noch keinen Gedanken wert gewesen war. Die möglicherweise in den Abgründen seines Bewusstseins irgendwo ihren Schlummerplatz hatte. Die ihm aber nun unvermittelt und fast bedrohlich in die Nähe gerückt war. Und gerade, als er anfangen wollte, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, waren über ihm die Wolkenschleusen aufgegangen, und Alois geriet unter Sturzwasser …

Homo Virtualis

„Herzlich willkommen in den Sphären der Schmorazzen!“ tönte es den beiden Gestrandeten in den Ohren. Eine Stimme war es, höflich und kühl, die von irgendwoher kam. – „Was … was ist geschehen?“ murmelte der Mann. Er richtete sich auf. Kam mühsam auf die Beine. – „Wo … wo sind wir?“ murmelte die Frau. Sie schüttelte sich Sand aus dem Haar. – Da war wieder die Stimme zu hören … von woher kam sie? – „Wir Schmorazzen freuen uns, Sie bei uns willkommen heißen zu dürfen!“ – Der Mann schaute sich um. Sein Blick fiel auf das Boot. Es war an Land gespült worden, so schien es. – „Ihr Boot haben wir gesichert!“ teilte die Stimme mit. – „Wo … wer sind Sie?“ fragte der Mann. – „Verehrte Ankömmlinge“, meldete sich die Stimme, „wir können Ihnen gar nicht sagen, wie sehr wir uns gewünscht haben, dass Sie zu uns finden würden! Dass Sie den Weg wagen würden über den Ozean, den die große Explosion zwischen unseren Sphären aufgerissen hat. Sie wissen, wovon ich spreche?“ – Der Mann sah sich um. Von woher kam diese Stimme? – „Ich spreche von unserem Versuch“, fuhr die Stimme fort, „die Erdkernstrahlung abzubauen. Von der Katastrophe, die darauf folgte. Die vermutlich auch in Ihren Sphären zu gewaltigen Verwerfungen geführt hat.“ – Der Mann schaute auf die Frau. Erinnerungen rauschten auf ihn zu. „Katastrophe?“ – „Die große Explosion!“ bestätigte die Stimme. „Sie liegt in unserer Verantwortung. Ein Störfall, für den wir uns entschuldigen. Unsere Energiereserven nahmen seit einiger Zeit auf bedrohliche Weise ab, also haben wir nach neuen Quellen geforscht. Ein gewagtes Experiment war unausweichlich. Daraus ist dann beinahe der Weltuntergang geworden.“ – „Warum … wir … Weltuntergang?“ murmelte der Mann. – „Höchst bedauerlich“, erklärte die Stimme, „und höchst alarmierend zugleich. Mussten wir doch nach der großen Explosion damit rechnen, nicht nur unsere Verbrauchsenergien dahinschmelzen zu sehen. Auch unser Bedarf an Lebensenergie war auf einmal in Frage gestellt!“

Eine Frau zum Hingucken

Serafine Moll stand im Flur ihrer kleinen Wohnung vor dem Spiegel. Finstere Gedanken umkreisten sie. Sollte Sie in einem Zeitungsinserat Seufzerkurse anbieten, um Gesellschaft ins Haus zu bekommen? Auch eine Selbstmordschule für Unentschlossene in ihrem Wohnzimmer hielt sie für ein verlockendes Angebot. Wie oft schon hatte sie vor diesem Spiegel gestanden, hatte sich in die flackernden Augen gesehen und war dann verbittert einen Schritt zurückgetreten, wenn ihr Spiegelbild plötzlich zu raunen schien: „Serafine, guck nicht, da ist nichts!“ Unzählige Male hatte sie das schon gehört. Und es stand für sie fest: Jemand mit dem Namen Serafine Moll, dreiunddreißig Jahre alt, Buchhalterin bei Schlickmeiers Fischgroßhandel, war eigentlich gar nicht auf der Welt. Vor dem Spiegel stand da allenfalls eine Hülle mit Kopf obendrüber, ein Geschöpf, das auf der Wichtigkeitsskala der Menschheit nicht vorkam. Ein Geschöpf, von dem man sich in den abendlichen Cocktailbars niemals etwas erzählen würde, auf das kein herumstreunender Herzensbrecher auch nur einen flüchtigen Blick geworfen hätte. Ein Geschöpf, das eines Tages unter einem Grabstein aus Billigmarmor in einer abgelegenen Friedhofsecke dem Vergessen anheimfallen musste, keine Frage. Serafine war darin geübt, sich vor ihrem Spiegelbild zu einem bedeutungslosen Nichts schrumpfen zu sehen. An manchen Tagen tat es ihr entsetzlich weh, dass man sie auf dieser Welt nicht bemerken wollte. Dann verglich sie sich mit einer Regenpfütze vor dem Palast der englischen Königin, in die von den aufmarschierenden Wachtposten unentwegt hineingetreten wird.

 

Ich im Ich

In der Stadt Tuckerlpomm, dem früheren Holzebach, übte Helmchen Bethke den Beruf einer Vogelscheuchengestalterin aus. Sie betrieb eine Werkstatt, die von ihr, wenn Neugierige oder einer der Weißkittel bei ihr hereinschauten, „Der kleine Kunstsalon“ genannt wurde. Und fragte man sie: „Ja, in aller Welt, wie wird man denn Vogelscheuchengestalterin?“ – war ihre Antwort: „Man wird es beim Menscheneinsammeln.“

Helmchen Bethke hatte der Stadt einen neuen Namen gegeben, und oft ging sie allein in ihrer Stadt spazieren. Keiner von den Weißkitteln durfte sie dann begleiten. Sie wollte, wie sie es ausdrückte, künstlerisch nun ganz bei sich selbst sein. „Ich grüße dich, mein Tuckerlpomm!” hörten die Häuser und Laternen sie dann manchmal vor sich hinmurmeln, zum Beispiel, wenn sie an einer Sehenswürdigkeit vorüberschlenderte.

Bei einem ihrer Spaziergänge machte Helmchen Bethke eines sonnigen Morgens vor einem Schaufenster Halt. Hier traf sie auf einen Herrn, der von einem Reiseprospekt im Schaufenster eine Werbebotschaft ablas. „Jeden Tag aufs Neue freue ich mich über Himmelsbläue“, las er laut.

„Urlaubspläne?“ fragte ihn Helmchen Bethke.

Der Herr wandte sich um. Er schien erschrocken. Eine Frau war da unvermittelt neben ihm stehen geblieben. Sie war klein, sie schien noch sehr jung zu sein oder vielleicht auch sehr alt. Der Herr hielt sie einen Augenblick lang für ein Trugbild, das sich in seine Wirklichkeiten einzudrängen versuchte. Die Frau lächelte hinter einem Schleier aus grau glitzernden Fäden, ihr Haar hatte sie unter einen rosa Hut geschoben, und es sah aus, als habe sie sich einen rosa Tulpenkelch übergestülpt.

 

 

Einstieg in die Erzählung

als mp3-Datei

zum Hören

und Herunterladen hier!

Einstieg in die Erzählung

als mp3-Datei

zum Hören

und Herunterladen hier!

Nacht mit Mond

Irgendwo läutete es. Waren es Glocken, die er da gerade gehört hatte? Als Joe Fliederstein am Morgen seines siebzigsten Geburtstages aus schwerem Traum erwachte, fand er sich nicht, wie gewohnt, in einem Bett wieder: Im Augenblick des Aufwachens war er – er hatte sich selbst dabei zusehen können – singend durch eine Tür getreten. Und er wusste es sofort: Sein Erdenleben war gerade zu Ende gegangen, und er war im Wartezimmer zum Jüngsten Gericht angekommen.

In diesem Wartezimmer sah es aus wie in einem irdischen Wartezimmer. Rundum sah Joe Fliederstein Leute, die auf Stühlen hockten und ihn aus den Augenwinkeln anstarrten. Er erinnerte sich an das Wartezimmer eines irdischen Arbeitsamtes, das er zu Lebzeiten einige Male hatte aufsuchen müssen: Dort hatte man ihn auch so angestarrt. Joe ging auf einen der Wartenden zu und fragte ihn: „Wird man hier aufgerufen?“ Der Wartende blieb stumm, guckte, bekam dann von irgendwoher einen Zettel zugesteckt, den er an Joe Fliederstein weiterreichte. „Anweisung“, las Joe vom Zettel ab, „wie du dich vorbereitest auf den Gerichtstag.“ – Gerichtstag? – Und weiter: „So sollst du dich, der du nun durch die Tür getreten bist, also erinnern an die Jahre deines Erdendaseins und über sie richten“, las Joe, „wirst ein Urteil sprechen über dich selbst und entscheiden, wo man dich in der Ewigkeit unterbringen soll.“