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Don Quichotte auf blauer Wolke

Programm mit Flamenco und Gesang

Recitado

Es war ein Mittwoch, irgend so ein Mittwoch,

An dem es allerorts nach Mittwoch roch.

Mittwochswolkenbilder zogen

Schlieren hin zum Regenbogen,

Wo ein Schauspiel drunterweg

Unvergleichlich schön passierte,

Wo ein Mensch ganz ohne Zweck

Sich aus seiner Welt bugsierte

Und, indem er Bläue träumte,

Sich in andre Welten räumte …

 

Es war ein verregneter, wolkengrauer Mittwochmorgen. Malte Molunder war gerade aufgewacht. Er blinzelte zur Zimmerdecke. Atmete. Hörte seinen Atem. Er richtete sich im Bett auf und griff nach einem Buch, das auf seinem Nachttisch lag. Ein blau eingefasstes Buch. Das er schon hundert und hunderte Male gelesen hatte, das er sich Kapitel für Kapitel ins Gedächtnis geprägt hatte. In dem Die Geschichte vom erfindungsreichen Ritter Don Quichotte von der Mancha in verschnörkelter alter Schrift gedruckt war. Das geheimnisvolle Blaue Buch. In das Malte Molunder mit Tinte unzählige Anmerkungen und Korrekturen, ja, auf Einlegezetteln sogar Entwürfe zu neuen Kapiteln hineingeschrieben hatte. Denn die Geschichte vom erfindungsreichen Ritter sollte niemals enden, so hatte es Malte Molunder beschlossen. Jeden Abend vor dem Einschlafen, manchmal eine ganze Nacht hindurch, und jeden Morgen nach dem Aufwachen las er in dem Blauen Buch. Auch an diesem wolkenverhangenen Mittwochmorgen.

Als er später dann im Badezimmer in den Spiegel sah, erkannte er sich nicht. Ein fremdes Gesicht schaute ihn aus dem Spiegel an. Es war das Gesicht von Don Quichotte, kein Zweifel. Malte Molunder musste darüber nicht nachdenken, er sah es auf Anhieb. Und er wunderte sich auch gar nicht. Im Gegenteil. Er begrüßte sein Spiegelbild mit einem freundschaftlichen Nicken und sagte: «Da bist du ja endlich!» Und er fügte hinzu: «Du bist jetzt der Chef!»

Nein! Malte Molunder verwarf es. Wie hörte sich das denn an! War das die Sprache Don Quichottes? Er versuchte es noch einmal: «Ihr seid jetzt der Herr!» sagte er zu seinem Spiegelbild.

 

Einen Augenblick später stand Don Quichotte unter der Dusche. Duschte sich das Mittwochsgrau von der Seele. Fühlte sich auf einmal wie neu in die Welt geschickt.

Als Don Quichotte schließlich in der Küche am Frühstückstisch saß, freute er sich, dass er tags zuvor eine Dose spanischer Orangen eingekauft hatte. Er öffnete die Dose und legte die Orangenstücke auf seinem Teller zu einer großen runden Sonne aus. Dann schloss er die Augen. Ließ seinen Gedanken freien Lauf. Und begann damit, die Welt umzubauen.

 

 

Balada

 

Don Quichotte entschließt sich, aus Gedankenstücken

Eine blaugemalte Welt zu schaffen,

Blau die Häuser, blaugemalt die Brücken,

Blau, sofern entstehend, die Giraffen.

 

Ohne Schöpferplan will Don Quichotte beginnen,

Doch ins Blaue zielt er absichtsvoll,

Um dem Graugemalten zu entrinnen,

Das in seiner Welt nicht gelten soll.

 

Reines Blau ergießt sich wie aus Himmelskannen

Über Don Quichottes gedachte Welt,

Bläue schäumt in allen Badewannen,

Die er sich in seine Häuser stellt.

 

Veilchenblaugemalt beginnt der Mittwochmorgen,

Pflaumenblau lässt Don Quichotte ihn gehn,

Blaue Mädchen haben blaue Sorgen,

Blaue Witwen können sich im Spiegel drehn.

 

Don Quichotte – als leite ihn ein Zauberwort –

Nickt zu allem, lächelt, und dann hebt

Er die blaugemalte Welt mit Händen hoch und schwebt

Samt der Welt ins ungefähre Blaue fort.

 

 

Don Quichotte öffnete die Augen. Die Sonne hatte sich über die Häuser der kleinen Stadt erhoben, in der er seit Ewigkeiten wohnte. Hier war er einmal Schornsteinfegermeister gewesen. Bis zu dem Tag, da ihn eine Taube, die im Sturzflug auf ihn zugesteuert kam, vom Dach gestoßen hatte. Weich fiel er damals in ein Gartenbeet, stand auf, schüttelte sich den Schrecken aus den Gliedern und sagte zu sich selbst: «Du bist ein Glückspilz!» Noch am gleichen Tag hängte er den Schornsteinfegerberuf an den Nagel und wollte künftig als Politiker arbeiten, denn ein Glückspilz, so glaubte er, sei geradezu verpflichtet, in diesem Beruf tätig zu werden. Aber er kam mit den Wörtern der Politik nicht zurecht, und so ließ er von dem Vorhaben ab und spielte auf gut Glück Lotto. Und gewann. Hin und wieder. Gerade so viel, dass er davon leben konnte. Dass er sich Zeit nehmen konnte zum Lesen und zum Erfinden neuer Abenteuer. Denn das war seine Leidenschaft.

 

Don Quichotte holte sich das Blaue Buch vom Nachttisch. Und er hatte auch schon die Stelle gefunden, wo es hieß: Der Ritter konnte nimmermehr aufhören, in seinen Büchern zu lesen, dass er die Nächte damit zubrachte, weiter und weiter, und die Tage, sich tiefer und tiefer hineinzulesen, und so kam es vom wenigen Schlafen und vielen Lesen, dass sein Gehirn austrocknete, wodurch er den Verstand verlor.

Don Quichotte schaute vom Blauen Buch auf. Er schüttelte den Kopf. Redete. Redete auf sich ein. «Umgekehrt! Genau umgekehrt ist es gekommen! Das Gehirn hat sich beim Lesen geweitet! Der Verstand ist erblüht!» Und zärtlich strich Don Quichotte über das Blaue Buch. «Was für ein wunderbares Wort», murmelte er, «erblüht!»

Und weiter las er: Als es nun mit dem Verstand des Ritters dahin gekommen war, erschien es ihm nützlich und nötig, sowohl zur Vermehrung seiner Ehre als zum Besten seiner Republik, ein fahrender Ritter zu werden und mit Rüstung und Pferd herumzuziehen, zuvörderst den Mächtigen zu wehren und den Schwachen zu helfen, auch eine Liebste zu suchen, die er Dulzinea heißen wollte, und überhaupt die Welt zu retten, auf dass er mit Ruhm seinen Namen und auch die Namen der Menschen und Dinge schmücke.

Don Quichotte ließ das Blaue Buch sinken. Dachte über das Gelesene nach. Dann fügte er mit dem Federhalter, der am Buchrücken festgemacht war, im Blauen Buch eine Korrektur ein: … zuvörderst den Wörtern der Mächtigen zu wehren, korrigierte er. Und eine weitere Korrektur wollte er vornehmen: Die kleine Stadt, in der er bis heute gewohnt hatte, hieß Steinelbömm. «Ich nenne die Stadt von nun an: Argamasilla de Alba» entschied er …

 

Recitado

 

Und so ordnen sich die Dinge

Nach dem Blauen Buch und werden

Neu erdacht von Don Quichotte.

Und er schreibt Gedankenzettel,

Dulzinea schreibt er drauf und wirbelt

Alle Zettel aus dem Fenster:

Trägt der Wind sie auf die Straße,

Ruft der Wind nach Dulzinea …